Adorno und die „Erziehung zur Mündigkeit“

Adorno betont in seinen Schriften immer wieder die Notwendigkeit, selbstbewusstes und eigenständiges Denken zu fördern, um einer Fremdbestimmung entgehen zu können, so auch in Erziehung zur Mündigkeit. Der Titel der Schrift ist nicht nur Anstoß eines dort abgedruckten Gespräches zwischen Adorno und Hellmut Becker, dem damaligen Direktor des Instituts für Bildungsforschung in der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin, sondern Maßgabe aller in dem Heft abgedruckten Gespräche und Vorträge, die in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstanden. Die Einlassungen mit dem Hessischen Rundfunk sind Ausdruck der Bemühungen Adornos um die Verbreitung politischer Bildung, die für ihn gleichbedeutend mit der Erziehung zur Mündigkeit ist.

Die politische Bildung der Bürger richtet sich dabei stets an jene einer demokratischen Gesellschaft. Demokratie ist ohne die Willensbildung eines jeden Einzelnen nicht denkbar und setzt die Fähigkeit und den Mut voraus, sich seines eigenen Verstandes bedienen zu können[1]. Diese Fähigkeit ist ohne Mündigkeit nicht zu erlangen, wobei Mündigkeit als ein dynamischer Prozess zu betrachten ist. Man ist nicht mündig, man wird es. „Das heißt: eine Demokratie, die nicht nur funktionieren, sondern ihrem Begriff gemäß arbeiten soll, verlangt mündige Menschen. Man kann sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen.“ Mündigkeit wiederum erlangt man durch die richtige Erziehung.

Erziehung bedeutet für Adorno nicht die reine Wissensvermittlung, sondern die „Herstellung eines richtigen Bewußtseins“. Das Bewusstsein darf sich jedoch nicht ausschließlich auf das eigene Ich beziehen, es muss stets auch rational im Sinne einer Realitätsprüfung sein. Realitätsprüfung wiederum erfordert immer auch Anpassung, die es dem Menschen ermöglicht, sich in der Welt zurecht zu finden.  Anders gesagt: Bewusstsein ist Denken in Bezug auf die Realität. In diesem Sinne bedeutet Bewusstsein auch die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen. „Insofern sind Erziehung zur Erfahrung und Erziehung zur Mündigkeit […] miteinander identisch.“ Erziehung steht insgesamt vor der Herausforderung, dass sie einerseits darauf bedacht sein muss, keinen reinen Individualismus zu fördern. Andererseits muss sie gegen einen autoritären Anti-Individualismus angehen. Erziehung aber kann nicht auf den schmalen Grat zwischen beiden Extremen hinwirken. Diesen Grat nicht zu verlassen ist allein Aufgabe des Individuums selbst. Erziehung kann nur auf dieses Paradoxon hinweisen.

Allen Überlegungen, wie der Begriff der Erziehung zu bestimmen sei, und wie er sich konkret ausgestaltet geht ein gesellschaftlicher Anspruch stets voran, nämlich die „Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei“. Die Gefahr der Wiederholung sieht Adorno wohl. Nicht, weil die Forderung nicht objektiv formuliert worden wäre, sondern da sich das mit Auschwitz verbindende Ungeheuerliche so wenig bewusst gemacht wurde, nicht in den Menschen eingedrungen sei. Hinzu kommt, dass im Prozess der Zivilisation die Barbarei, wie sie sich im Nationalsozialismus in seiner grausamsten Form gezeigt hat, angelegt ist. Daher ist wenig darauf zu vertrauen, allein die objektiven, d.h. die gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, zu verändern. Viel eher muss eine Wendung auf das Subjekt erfolgen. Der Psychologie der Menschen muss Beachtung geschenkt werden. Es hilft wenig, an Werte zu appellieren, oder etwa an etwaige Qualitäten verfolgter Minderheiten:

„Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst die Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Dies gelingt am ehesten durch eine Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, welches eine Wiederholung nicht zulässt. In einem solchen Klima nur kann es möglich sein, jene Motive aufzuzeigen und bewusst zu machen, die zum Nationalsozialismus geführt haben. Im Gegensatz zur Autoritätshörigkeit und zum unbedingten Bindungswillen, wie er dem Wesen des Faschismus eigen war, braucht es die Fähigkeit zur Reflexion, zur Selbstbestimmung und zum Widerstand in jedem von uns.

Diesem Erziehungsideal steht das weiterhin vorherrschende Erziehungsbild der Härte entgegen. Die sich hiermit verbindende Vorstellung der menschlichen Stärke, die sich daran misst, was der Mensch zu ertragen in der Lage ist, führt geradewegs in eine masochistische Lebensweise, von der aus der Weg zum Sadismus nicht weit ist. Wird der Mensch zur Härte erzogen, so entwickelt er ganz allgemein eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz. Dies allerdings nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch gegenüber seiner Umwelt. Eine Härte gegen sich selbst rechtfertigt auch eine Härte gegen andere. Ein solches Erziehungsbild impliziert zugleich die Unterdrückung von Angst. In einer von Härte geprägten Atmosphäre ist kein Platz für Angst. Hat man sie doch, so soll man sie unterdrücken. Erziehung jedoch, so Adorno, muss vermitteln, dass man Angst nicht verdrängen soll. Nur so lässt sich verhindern, dass die verdrängte Angst, sich ihren Weg, unbewusst und in gegen andere gerichteter barbarischer Härte umgeformt, sich ihr Ventil sucht.

Will eine Gesellschaft sich demokratisch organisieren, so braucht sie mündige Bürger. Mündige Bürger sind sich ihrer pluralistischen Verfasstheit bewusst. Sie ordnen sich nicht blind in Kollektive ein. Genauso wenig, wie sie sich als Teil einer amorphen Masse betrachten, begegnen sie auch anderen in ihrer je eigenen Individualität. Mündige Menschen sind ebenso fähig, jede Form der Manipulation zu erkennen und sich ihrer zu entziehen. Klarheit darüber, wie der manipulative Charakter einer Herrschaft entsteht, befähigt die Regierten am ehesten dazu, so etwas wie Ausschwitz nicht noch einmal geschehen zu lassen. Sie wissen um den manipulativen Charakter einer Gesellschaft, ihrer Organisationswut, die Unfähigkeit ihrer Mitglieder, unmittelbare menschliche Erfahrungen zu machen. Sie sind sensibilisiert für eine Emotionslosigkeit und einem überwertigen Realismus bei sich und ihren Mitmenschen.

Der Holocaust gilt Adorno als zentrales Merkmal absoluter Inhumanität und Folge eines völligen Verfalls von Bildung. Mehr noch, die Judenvernichtung ist für ihn Ausdruck einer Barbarei sondergleichen. Diese Form der Barbarei ist nichts Vergangenes, sie kann jederzeit wieder auftreten, wenn auch in verwandelter Form und an einem anderen Ort (vgl. Borst 2009: 110). Dieses Ende allen Zivilisatorischen ist von Menschen gemacht, und sie sind, auch im Zustand höchstentwickelter technischer Zivilisation, jederzeit wieder in der Lage in einen primitiven Angriffswillen und primitiven Hass zu verfallen, der alles Zivilisatorische, alles Humane auflöst. Adorno selbst zweifelt daran, ob Erziehung etwas Entscheidendes an der Barbarei zu verändern vermag. Es ist doch zu sehr in den Menschen veranlagt. Zudem ist die Erziehung an sich nicht ohne ein barbarisches Moment, im Sinne einer immer doch ein wenig unterdrückenden, repressiven Veranlagung in der Sache selbst. Das Barbarische also, und das macht Adornos Skepsis aus, ist sowohl in den Menschen als auch zwischen ihnen immer vorhanden. Man kann sie nicht ganz davon befreien. Es bleibt allein die Möglichkeit, sich gegen das barbarische Prinzip zu wenden, ihm also nicht den freien Lauf zu lassen. Auch hier ist die Bewusstmachung der Beginn aller bildenden Tätigkeit. Man muss sich bewusst machen, dass Barbarei überall dort vorliegt, wo ein Rückfall in primitive Gewalt stattfindet, ohne dass sie im Zusammenhang mit einem vernünftigen Zweck der Gesellschaft steht. Erziehung kann dies bewusst machen, verbunden mit der Vermittlung eines Gefühls der Abscheu vor eben solcher Gewalt. Die Menschen müssen wieder Scham empfinden vor der eigenen Rohheit und der ihrer Mitmenschen.


Literatur

Adorno, Theodor W. (2013): Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am Main.

Borst, Eva (2009b): Theorie der Bildung. Eine Einführung, Baltmannsweiler.

 

[1] Adorno in Anlehnung an Kant.

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